Meldungen aus dem Landesverband Thüringen

Gedenken im Schatten des Krieges

Blumen, Kränze und nachdenkliche Worte am 77. Jahrestag der Befreiung vom Nazi-Regime

Erfurt. Kränze vor dem Mahnmal mit dem sowjetischen Stern, unter dem die Soldaten der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg kämpften.

Blumen auf den Gräbertafeln mit Namen, die russisch sind, ukrainisch, belarussisch. Eine emotionale Ansprache des Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Reinhard Schramm: Es war eine Stunde der leisen Töne, mit der am Sonntag auf dem Erfurter Hauptfriedhof an den 77. Jahrestag der Befreiung vom NS-Regime gedacht wurde.

Der Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes, die Deutsch-Russische Freundschaftsgesellschaft Thüringen und die Deutsch-Amerikanische Gesellschaft Erfurt hatten als Ausrichter zum Gedenken geladen. So wie jedes Jahr am 8. Mai, seit mehr als 20 Jahren. Doch in diesem Jahr, in dem seit dem 24. Februar das Wort „Zeitenwende“ die Gegenwart prägt, ist auch dieser 8. Mai ein anderer. Wie soll man umgehen mit dem Gedenken an die Befreier, wenn Putin deren Kampf und deren Opfer benutzt, um seinen brutalen Krieg gegen die Ukraine zu legitimieren?
Reinhard Schramm hatte dafür eine klare Antwort. Dieser Tag in seiner „überragenden historischen Bedeutung“ als Tag der Befreiung könne auch nicht durch den russischen Angriffskrieg gegen das ukrainische Volk in Frage gestellt werden. Und doch schände dieser Krieg das Ansehen einstiger Befreier. Klare Worte in einer Gedenkrede in schwierigen Zeiten, die einen Ton fand, für den man Reinhard Schramm nur Respekt zollen kann. 

Er, der diesen Krieg und die Shoa mit seiner jüdischen Mutter im Versteck überlebte, widmete große Teile seiner Ansprache den Menschen, die Opfer dieses Krieges wurden. 65 Millionen weltweit und die Länder der ehemaligen Sowjetunion zahlten den größten Blutzoll. „Vor ihnen allen verneigen wir uns.“ Vor den Soldaten der Roten Armee aller Nationen, den Soldaten in den Reihen der westlichen Alliierten, den Opfern der Shoa, den ermordeten Sinti und Roma. Und er erinnerte an die deutschen Schwierigkeiten, noch lange nach Kriegsende, in diesem 8. Mai 1945 einen Tag der Befreiung zu sehen. Ein Tag, dessen Mahnung angesichts des russischen Krieges gegen die Ukraine heute sein müsse: Eine geeinte Welt könne ein unmenschliches System besiegen. Und für den Tag danach brauche es Visionen für das Zusammenleben, auch zwischen der Ukraine und Russland. Nationalismus und Völkerhass dürften in Europa nicht bestimmend sein.

Eine Hoffnung, die an diesem 74. Tag des russischen Krieges gegen die Ukraine schwer fällt. Man möge auf Fahnen, Transparente oder andere Symbole verzichten, hatten die drei Ausrichter im Vorfeld gebeten. Doch befürchtete Spannungen blieben aus, darüber kann man nur erleichtert sein. Die allermeisten Menschen kamen mit Blumen. Russland habe diesen Sieg schon vor Jahren für sich okkupiert, sagte Vasyl Vitenko vom Verein Ukrainischer Landleute. „Aber Ukrainer haben ebenfalls für diesen Sieg gekämpft.“ Seine Großmutter hatte als Krankenschwester in der Roten Armee Verwundete versorgt, erzählt er. Doch für ihn sei der Tag des Kriegsendes kein Anlass zum Feiern. „Es ist ein Tag der Trauer um die Opfer, des Gedenkens an sie.“ 

Am Vortag hatte der Verein in Erfurt zu einer Kundgebung gegen den Krieg in der Ukraine geladen. Mit emotionalen Bitten an die Welt, diesen Krieg zu stoppen. Am Ende baten sie um eine Schweigeminute. Für die Toten des Zweiten Weltkriegs. Und für die Toten des russischen Angriffs auf ihr Land. 

Von Elena Rauch (veröffentlicht am 09.05.2022 in der Thüringischen Landeszeitung) 

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