Meldungen aus dem Landesverband Thüringen

Mein Weg zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

Herr Bronzel, (6. von links)

Irgendwann im Herbst des Jahres 1990 rief mich ein Herr Werner Michel an. Er stellte sich vor als Landesvorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge von Rheinland-Pfalz und bat darum, mir, um diese Zeit war ich der relativ frisch ins Amt gekommene Schulrat des Landkreises Bad Langensalza, ein Anliegen vortragen zu dürfen. Wenig später fand das Gespräch mit Herrn Michel statt und schnell wurde klar, Herrn Michels Auftrag war, dazu beizutragen, den Volksbund in den neuen Bundesländern bekannt zu machen und zu etablieren. Sein Ansinnen stieß bei mir sofort auf offene Ohren.
Schon weit vorher hatte ich durch meinen Vater vom Volksbund gehört. Er war nämlich am 21. Juni 1941 als Soldat einer Pioniereinheit in böser Vorahnung und mit voller Bewaffnung an die sowjetische Grenze verlegt worden. Vom „Unternehmen Barbarossa“, dem Decknamen des nationalsozialistischen Regimes für den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, hatte bis dahin kaum einer der Soldaten etwas gehört. 
Seit diesem schicksalhaften ersten Tage war mein Vater mit dem Überfall auf die Sowjetunion Beteiligter eines ungerechten Raubkrieges, dem wohl größten Trauma vor allem des gesamten sowjetischen Volkes. Dieser verhängnisvolle Tag, der in der Folge viele Millionen Menschen das Leben kostete und unendliches Leid über alle beteiligten Völker brachte, jährt sich in diesem Jahr zum 8o. Mal. 
Mein Vater machte in diesem Krieg schlimmste traumatische Erfahrungen, die er zwar überlebte, aber mit schwersten Verwundungen, die ihn als Schwerbehinderten sein Leben lang begleiteten. Meine Mutter berichtete uns Kindern in den fünfziger Jahren des Öfteren, dass der Vater wieder einmal mitten in der Nacht aufgeschreckt sei und sich im Schützengraben in einem Granatenhagel der sogenannten Katjuscha (einem sowjetischen Raketenwerfer) wähnte, bis die erschreckte Mutter ihn wieder beruhigte. 
Bitter enttäuscht musste er zur Kenntnis nehmen, dass die DDR-Regierung keinerlei Verantwortung für die Kriegsversehrten, aber auch die Kriegsgräber, zu übernehmen bereit war. Dass er wie viele seiner Leidgenossen gezwungen worden war, als Soldat in den Krieg zu ziehen, wurde von der DDR-Staatsführung nie akzeptiert. Sie hätte den Krieg ja nicht angefangen und die Soldaten hätten sich ja weigern können, daran teilzunehmen. Erst nach der friedlichen Revolution in Deutschland wurde meinem Vater eine Kriegsversehrtenrente zugestanden. 
Anders als mein Großvater, der als Unteroffizier unter anderem an der schlimmsten Materialschlacht des 1. Weltkrieges um Verdun teilnahm und mir nur sehr wenig von seinen Erlebnissen berichtete, erzählte mein Vater des Öfteren von seinen Kriegserfahrungen. In Sommeruniformen und ohne Ausrüstung waren er und seine Kameraden beispielsweise bei völlig sinnlosen Kämpfen mit hohen Verlusten den härtesten Wintern bis über 40 Grad Minus ausgesetzt gewesen, bis er selbst im Winter 1942 schwer verwundet wurde. In Feldlazaretten notdürftig versorgt, genas er in Deutschland nach etwa einem Jahr trotz vieler Granatsplitter im gesamten Rücken, mit denen er leben musste. Danach wurde er als nicht mehr „kriegsverwendungsfähig“ eingestuft. Das einzig Gute daran war, dass damit der Krieg für ihn zu Ende war. 
Die Berichte meines Vaters haben mich schon als Kind stark beeindruckt und selbstverständlich auch geprägt. Vieles ist mir selbst heute noch in lebendiger Erinnerung. Daran dachte und erzählte ich auch Herrn Michel 1990 während unseres Gesprächs, bei dem er viel über die Bedeutung und Wirken des Volksbundes mitteilte. Ich war sofort damit einverstanden, ihn bei der Gründung einer Ortsgruppe des Volksbundes in Bad Langensalza zu unterstützen und wurde schnell dessen Mitglied. 
Bald darauf wurde ich ins Thüringer Kultusministerium nach Erfurt abgeordnet und gehörte im Mai 1991 schließlich auch zu den Gründungsmitgliedern des Landesvorstandes Thüringen des Volksbundes. Es war wichtig, das positive Wirken des Volksbundes für Völkerverständigung über den Gräbern der Gefallenen aller Kriege und des Wirkens für den Frieden im Rahmen der Friedenserziehung in die Schulen zu bringen. 
Den tiefsten Eindruck und bestes Verständnis für die Arbeit des Volksbundes habe ich bei einer Reise nach Frankreich und Belgien erfahren, nach dem Besuch eines Museums wurde die Gruppe zu einer Kriegsgräberanlage in der Nähe von Verdun geführt. 
Der überwältigende Anblick der vielen Kreuze, die vom sinnlosen Tod Tausender Soldaten zeugten, ließ mich lange auf einer Stelle verharren. Meine Gedanken überschlugen sich und dann war ich bei meinem Großvater. Hatte er vielleicht hier oder in der Nähe in einem Schützengraben gelegen und wie viele andere Soldaten bei den nahenden Einschlägen von Granaten auf seinen Tod gewartet? Hätte er nicht auch hier auf einem Gräberfeld seine letzte Ruhe finden können? Zum Glück musste ich nicht auf die Suche nach seinem Grab gehen, wie es viele, viele andere Nachkommen Gefallener tun mussten, um den Ort für ihre Trauer zu finden. Wie gut, dass es den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gibt, der hierbei sehr oft helfen kann. 
Klarer als hier, unter dem Eindruck meiner Gedanken und der Wirkung dieses Ortes im stillen Gedenken wurde mir nie wieder in meinem Leben: „So etwas darf sich nie wiederholen“. 

Volker Bronzel

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