Meldungen aus dem Landesverband Thüringen

Auseinandersetzung statt Tabuisierung – Zukunft gestalten bedarf Lernen aus der Vergangenheit

25. September 2021 – der Weg über den Weimarer Hauptfriedhof bietet dem Besuchenden die Möglichkeit, die Geschichte des 20. Jahrhunderts nachzuvollziehen zu können – einem Jahrhundert der Weltkriege und Umbrüche. Drei Monate nach dem letzten Einsatz am sowjetischen Ehrenfriedhof am Schloss Belvedere trafen wir uns im Rahmen des Jugendarbeitskreises des Volksbundes Thüringen erneut zu einem freiwilligen Pflegeeinsatz an den Soldatengräbern sowie dem Denkmal an die Verfolgten des Naziregimes auf dem Hauptfriedhof in Weimar. Gleichzeitig bot die Zusammenkunft einen Raum zum Austausch und zur Auseinandersetzung mit dem Ort, sodass uns zunächst ein kleiner Friedhofsrundgang die historischen Hintergründe näherbringen sollte. 
Unser erstes Ziel stellte das Grab von Admiral Reinhard Scheer dar, welcher als Befehlshaber der deutschen Flotte die Offensive in der Seeschlacht im Skagerrak im Mai 1916 gegen die englische Hochseeflotte leitete. Obgleich die einzige Seeschlacht zwischen diesen beiden Nationen des Ersten Weltkrieges keinerlei strategische Bedeutung hatte, führte sie dennoch zu erheblichen Verlusten auf englischer Seite und manifestierte sich als ein Symbol für den hohen technischen Standard sowie die Disziplin der Deutschen. Admiral Scheer ließ sich, wie viele pensionierte hohe Beamte und Offiziere in der damals als nationalkonservativ bekannten Hochburg Weimar nieder und wurde bis zu seinem Tod als Nationalheld angesehen, wovon eine Trauerfeier mit starker öffentlicher Anteilnahme zeugte. Mit dieser ersten Biografie im Hinterkopf betraten wir das Grabfeld der Verstorbenen des Ersten Weltkrieges. Neben einigen steinernen Grabmalen fielen vor allem hölzerne Kreuze mit variablen Verzierungen sowie Ruhestätten sowjetischer Zwangsarbeiter auf, wobei das Areal nur einen Bruchteil der tatsächlichen Todesopfer umfasst, da ein Großteil der Gefallenen nach dem Ersten Weltkrieg in Familiengräber überführt wurde. Dennoch fanden wir größer angelegte Grabstätten, die mit ihren Inschriften ein Relikt des damaligen Heldenkultes darstellen. In diesem Zusammenhang wurden wir erstmals mit der scheinbar banalen Frage konfrontiert, was wir heute unter einem Helden / einer Heldin verstehen. Ob Lieblingsfußballer, Dichter, Krankenschwester oder ein Familienmitglied – trotz einer Vielzahl von Assoziationen, blieb eine klare Definition für „den typischen Helden“ aus. Im Kontext des übersteigerten patriotischen Heldengedenkens bekommt der Begriff häufig einen negativen Anklang, so ist es an einem solchen Ort schwer, diesen losgelöst von Ideologien zu erörtern. Für uns sind Helden zu Vorbildern geworden, zu Personen, zu denen wir aufschauen und die wir für verschiedenste Taten und Fähigkeiten bewundern. Wir haben in einer Demokratie die Freiheit, unseren Heldenbegriff selbst zu definieren, anstelle gezwungen zu sein, ein ideologisches Idealbild zu ehren. Vielleicht fällt uns die Antwort auf die Frage nach einem persönlichen Helden aus diesem Grund so schwer.
Wir verließen den Abschnitt des Ersten Weltkrieges und näherten uns der Zeit der Weimarer Republik. Im März 1920 beteiligten sich auch Weimarer Arbeiter an der Niederschlagung des sogenannten Kapp-Putsches, wobei acht Arbeiter ums Leben kamen. Am 18. März 1920 erfolgte unter großer öffentlicher Anteilnahme deren Beisetzung auf dem Weimarer Hauptfriedhof, ehe am 01. Mai 1922 ein Denkmal errichtet wurde. Der Entwurf eines Blitzstrahls, welcher sich aus dem Grab erhebt, stammte vom Direktor des staatlichen Bauhauses Weimar, Walter Gropius. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden die oberflächlichen Elemente des Denkmals im Jahre 1935 zerstört. Erst am 23. März 1946 erfolgte eine Rekonstruktion des Denkmals.
Der eigentliche Arbeitseinsatz fand auf dem Gräberfeld der Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges statt, auf welchem wir die schlichten Kreuze,  sowie Gedenkstelen für die Opfer der Luftangriffe Weimars von Moos befreiten. Ein Blick auf die Geschichte der Stadt im Zweiten Weltkrieg verrät die immensen Konsequenzen des alliierten Luftkrieges nicht nur auf die Infrastruktur, sondern vielmehr auf das kulturelle Leben und die Zivilbevölkerung. Während der erste Luftangriff am 27. Mai 1943 nur geringe Verluste mit sich brachte, wurden am 24. August 1944 Bomben auf die Rüstungswerke auf dem Gelände des Konzentrationslagers Buchenwald abgeworfen, um der Kriegswirtschaft zu schaden.  Fernab jeglicher militärischen Ziele traf die Stadt ein Teppich aus 481 Sprengbomben am 09. Februar 1945. Mehrere hundert Menschen kamen dabei ums Leben. Der letzte Tieffliegerangriff am 10. April kostete weiteren fünf Menschen das Leben, kurz bevor die Stadt am 12. April 1945 kampflos der III. US-Armee übergeben wurde. 
Das Grabfeld sollte jedoch nicht bloß ein Ort der Erinnerung bleiben. Vielmehr wurden die Soldatengräber zum Zentrum einer bundesweiten Debatte, da neben den Toten durch die Luftangriffe sowie Wehrmachtssoldaten ebenso Angehörige der Wachmannschaften aus dem Konzentrationslager Buchenwald ihre letzte Ruhestätte fanden. Unter dem Protest der Öffentlichkeit wurde der kurz zuvor (1992/1993) in seine heutige Form gestaltete Soldatenfriedhof erneut „umgestaltet“, wobei alle SS-Dienstgrade aus den Steinkreuzen gemeißelt wurden, sodass neben den Wehrmachtsdienstgraden rechteckige Balken zurückblieben. Derartige Veranlassungen zeigen, welch essenzielle Bedeutung Kriegsgräber als politisches Symbol tragen. Konkret müssen wir uns deutlich machen, dass insbesondere hinsichtlich der Soldatengräber eine strikte Abgrenzung von Täter und Opfer nahezu unmöglich ist. Ferner müssen wir uns fragen, ob nicht jedes Grab ein historisches Zeugnis ist, für das wir Verantwortung übernehmen müssen. Die Ausstanzung der Dienstgrade scheint die Debatte um das Ruherecht auf einem Soldatenfriedhof nicht kausal mit einer befriedigenden Lösung beenden zu können. Mehr noch treibt sie die Diskussion um die Erhaltung der „Täter-Grabmale“ weiter an, da die Aussparungen auf den Steinkreuzen die Aufmerksamkeit noch mehr auf sich ziehen und weitere Fragen aufwerfen. Letztlich sei es einem jeden von uns selbst überlassen, welche Meinung wir bezüglich der Löschung der Dienstgrade vertreten – die Gräber bleiben ein stiller Protest, die zum Diskurs auffordern, anstatt zu tabuisieren. Der Krieg kennt keine Helden – aus diesem Grund erachten wir es als ein Ausdruck der Würde, des Respekts und der Demokratie, für jeden Kriegstoten eine Bürste in die Hand zu nehmen und durch Austausch dem Vergessen entgegenzuwirken. 
Um unseren historischen Friedhofsrundgang abzuschließen, sei auf das Gemeinschaftsgrab der 149 Mordopfer aus den beiden Weimarer Polizeigefängnissen verwiesen, welche kurz vor der Einnahme der Stadt durch die Alliierten vom 02. bis 05. April 1945 im Webicht von der Gestapo sowie der SS erschossen wurden. Direkt nach der Tat wurden ihre Leichen in einen Bombentrichter notdürftig verscharrt und erst im Juni/Juli 1945 exhumiert. Mithilfe beiliegender Dokumente konnten rund ein Drittel der Ermordeten identifiziert werden, ehe ihre Körper kremiert und die Asche in ein Gemeinschaftsgrab überführt wurde. Im September 1948 wurde ein Denkmal zur Erinnerung an die Verfolgten des NS-Regimes, darunter auch Buchenwald-Häftlinge, errichtet und weitere Opfer beigesetzt.  

 

Lissy Liebeskind (Mitglied im Jugendarbeitskreis Thüringen)
 

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